"Kleiner Samariter" von Martin Mayer

Grußwort anlässlich der Enthüllung der Skulptur "Kleiner Samariter" von Martin Mayer am 9. Mai 2026 in Weißenburg von

Eva Reichstadt

 

Liebe Weißenburgerinnen und Weißenburger, 
liebe Ehrengäste und Gäste, 
liebe Förderder und Sponsoren,

wir stehen heute an einem Ort, der in sich schon eine Geschichte trägt – die Geschichte des Helfens. Dort, wo jahrhundertelang ein Spital stand, das Menschen in Not aufnahm, stellen wir heute eine Skulptur auf, in der diese Haltung in Bronze gegossen wurde: die Bereitschaft, hinzuschauen. Anzuhalten. Zu helfen.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählt davon, dass ein Mensch am Boden liegt – und dass die meisten vorbeigehen. Der Priester, der Levit – sie gehen vorbei. Und dann kommt dieser eine. Ein Fremder. Einer, den man in jener Zeit nicht einmal grüßte. Er hält an. Weil er einen Menschen sah in Not und sich des Leidenden erbarmte.

Das ist die einfachste und zugleich radikalste Botschaft, die diese Geschichte in sich trägt: Menschlichkeit fragt nicht nach Herkunft. Nicht nach Religion. Nicht nach Stand. Sie fragt: Wer braucht jetzt Hilfe?

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben Menschen in Weißenburg genau das gelebt. Als Geflüchtete in unsere Stadt kamen – viele erschöpft, viele verängstigt, viele ohne Sprache und ohne Orientierung – haben sich Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt zusammengefunden. Still, ohne großes Aufheben, ohne darauf zu warten, dass jemand anderes es tut. Das Netzwerk „Weißenburg hilft" ist aus dieser Haltung entstanden, aus dieser ganz konkreten, sehr menschlichen Entscheidung: Ich schaue nicht weg.

Diese Skulptur, die wir heute hier aufstellen, gehört zu diesen Menschen. Sie ist ihr Zeichen.

Dass sie von Martin Mayer stammt, macht sie noch bedeutsamer. Mayer, 1931 in Berlin geboren, kam als Zwölfjähriger hierher, nach Weißenburg – ein Kind auf der Flucht vor dem Krieg, bei Verwandten untergebracht in einer Stadt, die er nicht kannte. Er ist hier zur Schule gegangen. Diese Stadt hat ihn aufgenommen. Jahrzehnte später – längst einer der bedeutenden deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts, bekannt durch seine Olympia Triumphans im Münchner Olympiapark, durch den Jakobspilger in Speyer, durch die Lutherstatue hier in Weißenburg – plante er noch einen Samariter. Er hat ihn nicht mehr selbst hierher bringen können. Er starb im Januar 2022, zwei Tage nach seinem 91. Geburtstag.

Aber sein Werk ist da. Und es steht jetzt hier. Ich glaube, das ist kein Zufall. 

Aber sein Werk ist da. Und es steht jetzt hier. Ich glaube, das ist kein Zufall. Dass ausgerechnet ein Künstler, der als Kind in dieser Stadt Zuflucht fand, ihr am Ende seines Lebens eine Figur hinterließ, die von Zuflucht handelt. Von der Hand, die sich ausstreckt. Von dem Blick, der nicht wegschaut.

Wir leben in einer Zeit, in der es erneut immer schwerer wird, diese Haltung zu verteidigen. In der Grenzen nicht nur geografisch, sondern im Kopf gezogen werden. In der Hilfsbereitschaft als Naivität abgetan wird und Gleichgültigkeit als Stärke verkleidet daherkommt. In einer solchen Zeit brauchen wir sichtbare Zeichen. Zeichen, die sagen: Hier haben Menschen anders gehandelt. Und sie haben damit recht getan. Diese Skulptur ist ein solches Zeichen. Sie wird hier stehen – bei Wind und Regen, im Sommer und im Winter. Und wer an ihr vorbeigeht, hält vielleicht inne, fragt nach ihrer Bedeutung. Und denkt dann vielleicht auch daran, wie er oder sie dem Menschen begegnet, der Hilfe braucht.

In einer solchen Zeit brauchen wir sichtbare Zeichen. Zeichen, die sagen: Hier haben Menschen anders gehandelt. Und sie haben damit recht getan. Diese Skulptur ist ein solches Zeichen. 

Ich danke von Herzen allen Sponsoren, die dieses Werk möglich gemacht haben. Ich danke Prof. Walter Doerfler, der den entscheidenden Schritt tat und Kontakt zur Familie Mayer aufnahm.  Ich danke der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Weißenburg und Dekanin Ingrid Gottwald-Weber für die Trägerschaft dieses Projektes. Und ich danke all jenen ganz besonders, die seit Jahren dafür sorgen, dass Weißenburg eine Stadt ist, in der der Barmherzige Samariter nicht nur ein zu Herzen gehendes Gleichnis ist – sondern gelebte Wirklichkeit.

Herzlichen Dank.
 

Eva Reichstadt
Oberbürgmeisterin der Stadt
Weißenburg in Bayern
www.weissenburg.de