Rede anlässlich der Enthüllung der Skulptur "Kleiner Samariter" von Martin Mayer am 9. Mai 2026 in Weißenburg von
Roland Wenninger
Sehr geehrte Festgemeinde,
auch ich darf Sie ganz herzlich begrüßen.
Im Folgenden möchte ich gerne einige Gedanken über den Bildhauer Martin Mayer mit Ihnen teilen.
Als mich Martin Mayer vor einigen Jahren im Museum Villa Stuck in München besuchte, war er schon im hohen Alter, weit über die 80. Doch sein Bild blieb lebhaft in Erinnerung. Ich habe Martin Mayer als einen selbstbewussten, in sich ruhenden, lebensfrohen Mann kennen gelernt, der dem Leben und den Menschen zugewandt war. Still dachte ich: Ein echter Menschenfreund.
Sein Interesse an Menschen spiegelt sich in Martin Mayers gesamten bildhauerischen Werk. Der überwiegende Teil seine Plastiken zeigt figürliche Darstellungen von Menschen in ihrer Schönheit, Zerbrechlichkeit, Freude und Trauer. Diesem Thema blieb der Bildhauer ein Leben lang treu.
Heute weihen wir Mayers Bronzeplastik "Kleiner Samariter" aus dem Jahr 1983 ein. Es handelt sich um ein sogenanntes Modello, also eine dreidimensionale Skizze für eine größere Bronzeplastik. Dargestellt ist ein selbstloser Helfer, der sich zu einem schwachen, abgemagerten Mann hinabbeugt, um ihm etwas zu trinken zu geben. Die Szene nimmt auf das Gleichnis des barmherzigen Samariters Bezug, welches im Lukas-Evangelium, Kapitel 10, Verse 25 bis 37 beschrieben wird. So klein die Skulptur auch sein mag, sie steht exemplarisch für das Thema der Fürsorge und Nächstenliebe und sie ist zentral verankert im Werk des Bildhauers Martin Mayer.
So klein die Skulptur auch sein mag, sie steht exemplarisch für das Thema der Fürsorge und Nächstenliebe und sie ist zentral verankert im Werk des Bildhauers Martin Mayer.
Wo kommt Mayers Interesse für den Menschen her? Schauen wir auf seine Biographie: Geboren wurde Martin Mayer in Berlin. 1943 zog er mit seinen Eltern von Berlin nach Weißenburg. Hier besuchte er die damalige Oberrealschule. Einer glücklichen Fügung ist es zu verdanken, dass Mayer sehr früh auf die Akademie der Bildenden Künste in München kam. Mayers Vater wollte den Sohn eigentlich auf's Internat nach Ettal schicken. Doch der dortige Abt erkannte das künstlerische Talent des Jungen und stellte einen Kontakt zu Akademie in München her. So wurde Martin Mayer mit gerade einmal 15 Jahren Privatschüler des Bildhauers Theodor Georgii an der Akademie der Bildenden Künste. 1949 bis 1954 studierte Martin Mayer in der Meisterklasse von Theodor Georgii Bildhauerei. Parallel dazu hat er sich in den Fächern Gipsformen, Bronzeguss, Steindruck/Litographie und Radierung weitergebildet. Seit 1954 arbeitete Martin Mayer als freischaffender Bildhauer in München. Ein weiterer wichtiger Freund und Förderer war der Münchner Bauunternehmer und Visionär Bernhard Borst. Ihm ist Mayers erstes öffentliches Werk in München zu verdanken: der "Sitzende Keiler" aus dem Jahr 1960, zu sehen vor dem Eingang zum Deutschen Jagd- und Fischereimuseum in München. 1966 heirateten Sigrune und Martin Mayer. Sie blieben ein Leben lang ein Paar. 1968 richtete Mayer sein Bildhaueratelier in der Borstei ein, in dem der größte Teil seines bildhauerischen Werks entstehen sollte. 2022 starb Martin Mayer in München.
Im Laufe seines langen Bildhauerlebens entstand ein vielschichtiges Werk, in dem sich Martin Mayer liebevoll dem Thema "Mensch" widmete. Sein skulpturales Werk kann in etwa drei Gruppen gelgliedert werden:
• monumentale Gewandfiguren
• einfühlsame Skulpturen von Frauen in verschiedensten Posen
• und Porträtplastiken.
Mayers Skulpturen sind heute in den bedeutenden, öffentlichen Sammlungen vertreten. Außerdem begegnen wir ihnen im öffentlichen Raum. Rund 30, meist überlebensgroße Skulpturen sind unter freiem Himmel ausgestellt und für jedermann zugänglich.
Mayers Skulpturen sind heute in den bedeutenden, öffentlichen Sammlungen vertreten. Außerdem begegnen wir ihnen im öffentlichen Raum. Rund 30, meist überlebensgroße Skulpturen sind unter freiem Himmel ausgestellt und für jedermann zugänglich. Ein wichtiges Beispiel findet sich nur wenige Schritte von hier entfernt: Südlich der Andreaskirche steht das überlebensgroße Bronzestandbild des Reformators Martin Luther, aus dem Jahr 1983. Die blockhafte Mantelform symbolisiert Standhaftigkeit. Der Reformator zeigt dem Kirchenbesucher seine Riesenbibel als Zeichen der bekennenden Kirche.
Bereits 1978/79 realisierte Martin Mayer eine andere Gewandfigur: die große Bronzefigur des "Franziskus aöls Friedensbote" Sie steht heute vor dem St. Anna Koster in München und zeigt den jugendlichen Wandermönch in seiner schweren Kutte und mit nackten Füßen auf dem Weg zu einem neuen Predigerort. Ein flatterndes Taubenpaar folgt ihm als Zeichen des Friedens. Nicht zu übersehen ist die überlebensgroße Gewandfigur des Jakobspilgers vor dem Dom zu Speyer. Sie entstand im Jahr 1990 und ist ein Geschenk des Speyrer Bischofs zum 2000. Geburtstag der Stadt. Leichten aber zielgerichteten Schrittes wandert der Pilger Richtung Santiago de Compostela. Ein anderes Beispiel für eine überlebensgroße Plastik im öffentlichen Raum ist die sogenannte "Olympia Triumphans". Sie entstand in den Jahren 1971 bis 73 im Rahmen der Olympiade in München und ist im Olympiapark an prominenter Stelle aufgestellt. Eine fast vier Meter große nackte Athletin balanciert wagemutig im Handstand auf einer Kugel. Die Skulptur ist ein Symbol der Freude anlässlich der Olympischen Sommerspiele in München.
Das sind nur vier Beispiele von Martin Mayer für Kunst im öffentlichen Raum. Wie schön, dass es diesen freien Raum gibt! Hier muss man keinen Eintritt bezahlen, alle sind willkommen und vieles ist möglich: man kann die Skulpturen berühren, ihre Schönheit genießen oder zu ihnen sprechen. Martin Mayers Menschenbilder sind einfach da, ohne etwas einzufordern. Sie laden ein – zur Begegnung.
Es ist wunderbar, dass es in Weißenburg ab heute fünf Arbeiten von Martin Mayer gibt, zu denen man jederzeit in Beziehung treten kann. Und dies im Umkreis von nur 500 Metern.
• In der Aussegnungshalle am Südfriedhof treffen wir auf die Skulptur "Trauernde" aus dem Jahr 1961.
• Oberhalb des Seeweihers steht das Kriegerdenkmal von 1962. Der Stein dieses Denkmals stammt aus dem Böswalder Bruch auf der Jurahöhe bei Haardt.
• Die bronzene Statue des Reformators Martin Luther, aus dem Jahr 1983, steht 200 Meter von hier entfernt, südlich von der Andreaskirche.
• Die Grablege der Familie Gutmann aus dem Jahr 1990 lädt auf dem Südfriedhof zur Andacht ein.
• Und zuletzt der "Kleine Samariter" aus dem Jahr 1983 hier in der Spitalanlage.
Martin Mayers Skulpturen sind für Menschen gemacht. Sie sprechen aus sich selbst und sind zugänglich. Das mag auch an ihrer gegenständlichen, figurativen Darstellung liegen, welche den Zugang erleichtert. Doch für Martin Mayer waren Gegenständlichkeit und Abstraktion keine Gegensätze. Hierzu möchte ich den Künstler zu Wort kommen lassen. Martin Mayer führt Folgendes aus:
"In ein paar Sätzen kann ich nur sagen, dass es keine Kunst gab bisher und auch keine geben wird, in der kein Abstrahierungsvorgang sichtbar wird. Oft ist zu hören, dass etwas, was nicht zu erkennen ist, was unkenntlich ist, abstrakt sei. Und das ist ein Irrtum. Ich meine, in der Kunst geht es ja darum, das Wesentliche erkennbar zu machen. Wenn man das Wesentliche erkennbar machen will, muss man das Unwesentliche weglassen. Man muss das Unwesentliche abziehen. Und darin liegt ja schon ein geistiger Prozess, ein Abstrahierungsvorgang. Und der macht eigentlich erst die Kunst aus. Der bestimmt den Grad der Kunst. Das hat gar nichts mit "gegenständlich" oder "nicht gegenständlich" zu tun. Eine durchaus gegenständliche Plastik kann so abstrakt sein wie auch ein ungegenständliches Gebilde (...)." (Martin Mayer, Zitat siehe Website: https://martinmayer.art/de)
Soweit die Ausführungen des Bildhauers Martin Mayer.
Abstraktion und Gegenständlichkeit waren für Martin Mayer untrennbar miteinander verknüpft. Gerade im Zusammenspiel von Abstraktion und Gegenständlichkeit entstanden seine Skulpturen. Es ging dem Bildhauer Mayer darum, den Blick über Grenzen hinweg zu weiten, um etwas Verbindendes. Seine Skulpturen schaffen Raum für Begegnungen, Muse und Austausch. Und deswegen ist Kunst im Allgemeinen, im öffentlichen Raum so wichtig! Es ist schön, dass der "Kleine Samariter“ nun für alle zugänglich ist.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Roland Wenninger
Kurator Museum Villa Stuck, München
www.villastuck.de